Am Familientisch in Split sitzt Petra still dabei. Ihre Schwiegermutter erzählt eine Geschichte, die anderen lachen – und sie versteht kein Wort. Diese Situation kennen Tausende Deutsche, die in binationalen Beziehungen mit Kroaten leben. Doch immer mehr von ihnen entscheiden sich, das zu ändern.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Rund 395.000 kroatische Staatsbürger leben laut Statistischem Bundesamt in Deutschland. Hinzu kommen Hunderttausende mit kroatischen Wurzeln in der zweiten und dritten Generation. In vielen dieser Familien prallen zwei Sprachwelten aufeinander – mit Folgen für den Zusammenhalt.
Eine aktuelle Umfrage der Online-Sprachschule [Lernen wir Kroatisch](https://www.lernen-wir.de/kroatisch) unter 266 Schülern zeigt: 35 Prozent lernen die Sprache wegen familiärer Wurzeln oder um mit kroatischen Verwandten zu sprechen. Weitere 20 Prozent nennen den kroatischen Partner als Hauptmotivation. Überraschend: Nur 16 Prozent lernen Kroatisch für den Urlaub.
„Die Daten stellen das Klischee in Frage, dass Kroatisch nur eine Urlaubssprache ist”, sagt Maja Jukić, Schulleiterin bei Lernen wir Kroatisch. „Die Lernenden wollen echte Gespräche mit Großeltern, Partnern und Kindern führen – das ist es, was sie zum Lernen motiviert.”
Wenn die Schwiegermutter zur Fremden wird
Was bedeutet es konkret, wenn Partner in einer binationalen Beziehung die Sprache des anderen nicht sprechen? Psychologen und Sprachwissenschaftler weisen seit Jahren auf die Bedeutung der Herkunftssprache für familiäre Beziehungen hin. Studien zeigen, dass der Erhalt der Familiensprache die emotionale Bindung zwischen Generationen stärkt und Kindern hilft, sich in beiden Kulturen zu verwurzeln.
Im Alltag binationaler Paare zeigt sich das ganz praktisch: Wer beim Familienessen nur zuhören kann, ohne zu verstehen, fühlt sich ausgeschlossen. Wer die Witze der Schwiegermutter nicht versteht, kann keine echte Beziehung zu ihr aufbauen. Und wer die Sprache des Partners nicht zumindest ansatzweise beherrscht, verpasst einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit.
Typische Konflikte entstehen etwa, wenn deutsche Schwiegerkinder bei Familienfeiern in Kroatien stundenlang schweigend dasitzen. Oder wenn kroatische Großeltern ihre Enkel in Deutschland nicht in der eigenen Sprache erziehen können, weil der deutsche Elternteil nichts versteht. Manche Paare berichten, dass sie wichtige Gespräche immer auf Deutsch führen müssen – obwohl der kroatische Partner sich in seiner Muttersprache differenzierter ausdrücken könnte.
„Ich wollte nicht mehr nur lächeln und nicken”
Anita, eine Hebamme aus Österreich, entschied sich vor zwei Jahren, Kroatisch zu lernen. Ihr Sohn sollte zweisprachig aufwachsen, und sie wollte endlich verstehen, was ihre Schwiegereltern erzählen. Heute kann sie nicht nur am Familientisch mitreden – ihre neuen Sprachkenntnisse helfen ihr auch bei der Arbeit, wenn sie kroatischsprachige Mütter betreut.
Ähnlich erging es Saskia, einer Ingenieurin aus Deutschland. Als Kind hatte sie ihrer Großmutter zugehört, ohne deren kroatische Worte zu verstehen. Jahrzehnte später holte sie das Versäumte nach. Heute führt sie bei Besuchen in Tuhelj echte Gespräche – statt wie früher nur zu lächeln und zu nicken.
Diese Geschichten stehen exemplarisch für einen Trend, den Sprachschulen und Volkshochschulen seit Jahren beobachten: Das Interesse an Kroatisch wächst, und die Motivation ist meist persönlich. Es geht nicht um Karriere oder Urlaubsfloskeln, sondern um Familie.
Was Sprachwissenschaftler empfehlen
Experten raten binationalen Paaren, früh über die Sprachfrage zu sprechen. Idealerweise lernt der deutsche Partner zumindest Grundlagen der kroatischen Sprache – nicht um perfekt zu werden, sondern um Interesse zu zeigen und Brücken zu bauen.
Für Kinder aus solchen Beziehungen ist die Zweisprachigkeit ein Geschenk: Sie haben Zugang zu beiden Kulturen und können mit beiden Seiten der Familie kommunizieren. Doch das funktioniert nur, wenn beide Elternteile die Mehrsprachigkeit aktiv unterstützen.
Online-Kurse haben das Lernen in den vergangenen Jahren deutlich erleichtert. Wer berufstätig ist und keine Zeit für Präsenzkurse hat, kann heute per Video lernen und üben, wann immer es in den Alltag passt.
Der Aufwand lohnt sich, wie viele Lernende berichten. Denn am Ende geht es nicht darum, grammatikalisch perfektes Kroatisch zu sprechen. Es geht darum, Teil der Familie zu werden – nicht nur auf dem Papier, sondern am Esstisch in Split, Zagreb oder Tuhelj.
Fenix-magazin/PROMO